Airen im Musikexpress-Blog:

Es kommt öfter mal vor, dass sich ein Musiker zum Autor berufen fühlt. Meist kann man dann die rührselig anbereitete Geschichte vom Weg von ganz unten aus dem Ghetto nach ganz oben in die Scheinwerfer der Welt mitbegleiten. Hier in Deutschland haben uns Bushido und Fler gezeigt, wie man mit derart billigen Aufstiegsmythen aus Albummillionen auch Buchmillionen machen kann. DerBerliner Torsun von den Elektropunkern von Egotronic macht vor, wie es besser geht: Ein knalldirektes, rockendes und zugleich politisch-polarisierendes Album zu veröffentlichen , und ein Buch rauszubringen, das man auch mit Genuß lesen kann, ohne jemals einen Song von seiner Band gehört zu haben.
Denn Torsun und Daniel Kulla haben mit „Raven wegen Deutschland“ eben keine schnell zum ersten Platinalbum zusammen geschnipselte „Autobiographie“ vermurkst, sondern ein lebendiges Zeitdokument geschaffen, eine literarische Reise in den Summer der Afterhours of 2007.

Den vertreibt sich Torsun mit ziemlich professionell hingelegten Abstürzen, und bringt es dabei irgendwie fertig, ein Album zu produzieren. Zu Beginn des Buches stehen Egotronic kurz vor der Auflösung: der Bandkollege ist ausgestiegen, Torsun ist arbeitslos, die Freundin weg. Auf wahnsinnig schnelle Art – manchmal werden ganze Wochenenden in Absätzen abgehandelt erzählt das Buch, wie er sich dann Kopf voran in einen wochenlangen Exzess stürzt, an dessen Ende die Veröffentlichung des Albums „Lustprinzip“ steht. Das Album, mit dem Egotronic seinen Durchbruch feiert. Man riecht den Schlamm auf den Festivals, sieht die tausenden in die Luft geworfenen Hände, und merkt dann, wenn man das Buch beiseite legt, dass da eine große Zeit an uns gerade vorüber gegangen ist.

Literarisch ist „Raven wegen Deutschland“ eine Klasse für sich. Die schnellen Erzählsequenzen Torsuns werden abgewechselt von Co-Autor Kulla. Der Fotograf und Blogger aus dem Egotronic-Umfeld hat die Protagonisten dieses Sommers befragt und lässt sie in kleinen Interviews zwischen den Kapiteln zu Wort kommen. Nebenbei umreisst er die Bandgeschichte, während Torsun eine Nase nach der anderen zieht.

So wie Sherlock Holmes nebenbei Pfeife raucht, so werden hier en passant Näschen und Pillen genommen. Für einen Aussenstehenden kann das nervig wirken, wer dabei gewesen ist weiss: Bei Torsun ist das keine Effekthascherei , sondern ein ganz einfaches Nebenbei, etwas, das eben so passiert, wenn man im Sommer 2007 in der Bar25 rumlungerte und Leute kennenlernte, die das eigene Leben dramatisch verändern würden. Vielleicht wird man Bücher wie dieses erst in ein paar Jahrzehnten zu schätzen lernen, wenn dann der ganze Berliner Technohype der Nullerjahre Vergangenheit ist und sich die nachfolgenden Generationen fragen, wie das denn eigentlich wirklich war damals, dieses Drei-Tage-wach, diese überbelichtete Zeit, als Berlin für ein paar Jahre der Nabel der internationalen Feierwelt war, und von der Opi immer redet, wenn er von den langen Spaziergängen mit dem Hund zurück kommt… Dann wird man „Raven wegen Deutschland“ hervorkramen und es nachlesen können, Seite für Seite, Tag für Tag.
Das tolle an Torsun als Künstler ist, dass da mal wieder einer für uns das extreme Leben lebt, und man sich das anhören kann auf dem Weg zur Arbeit, oder sich das durchlesen kann auf seiner Hollywoodschaukel, und sich dann gleich ein Stück lebendiger und jünger fühlt und merkt:

„Ich liege da ganz breit / Und brauche Flüssigkeit/ Die Beine sind recht schwer, das macht den Weg zur Bar so weit/ Na dann mal aufrappeln/ und sofort weiterzappeln / Ich beug mich vor, nah an dein Ohr, und bin am Scheiße sabbeln. Ich bin verspult.“

Taz 1:

Taz 2:

Intro:

Hanf Journal:

Uncle Sally´s: